Arizona

(05/1971-01/1996, bei mir ab 1979)

Arizona, 22 Jahre alt

Ein Traumpferd! Die Hannoveraner Fuchsstute mit ihren schwebenden Gängen bekam ich als Teenie, als sie acht Jahre alt war. Sie war als Jungpferd mal eingeritten worden und dann einige Jahre lang in der Zucht. Gerade wieder an Sattel und Trense gewöhnt landete sie bei mir und stand in der damals ganz „normalen“ Matrazenstreu-23-Stunden-Box im Reitstall.

Nach einigen Monaten fing Arizona immer mal wieder an, vorne links zu lahmen. Diagnose: Hufrollenentzündung (Strahlbeinlahmheit). Behandlung: Klinik, Nervenschnitt, zwei Monate Boxenruhe, Spezialbeschlag mit erhöhten Trachten. Dies sollte die Alternative zur sofortigen Tötung sein, damit sie als wenig beanspruchtes Freizeitpferd noch voraussichtlich zwei weitere Jahre schmerzfrei leben konnte.

(Anmerkung: durch das Durchtrennen der Nerven wurde der hintere Teil beider Vorderhufe absolut gefühllos/taub, auch damals galt dies bereits als Doping und eine Turnierteilnahme war danach verboten, was mich aber ohnehin nicht interessierte. Man rechnete damit, dass die Nervenenden innerhalb von zwei Jahren wieder zusammen wachsen – und dann wäre eine erneute Behandlung nicht mehr möglich.)

Arizona wurde also nach Operation und Boxenhaft im Frühjahr 1980 allmählich wieder belastet und ich folgte den Ratschlägen des Tierarztes: viel geradeaus und im Schritt reiten, enge Wendungen und Tempo auf hartem Boden vermeiden. Das hieß für mich: ausreiten. Und zwar täglich und stundenlang. Ihr Schritt war nach wie vor ein Traum – sie trat meist 3-4 Hufe unter! Über den Sommer durfte sie mit anderen Pferden ganz draußen auf der Weide leben, im Winter musste sie wieder in die Reitstall-Box. Unsere stundenlangen Touren bei Wind und Wetter behielten wir bei – einmal verbrachte ich den Rückweg bei Sturm und Eisregen auf ihrem Hals liegend und merkte erst, dass wir vor einer befahrenen Straße standen, als Arizona wie gewohnt stoppte und auf mein „Okay“ wartete. Nur ganz selten nutzten wir die Reithalle, sie folgte mir frei laufend auf Schritt und Tritt - wir vertrauten einander.

In dieser Zeit begann ich, den Sinn des Hufrollen-Spezialbeschlages zu hinterfragen: durch die hinten erhöhten Schenkel der Eisen hatten sich die Trachten komplett „weggedrückt“. Die Winkelung war eigentlich genau so, als ob sie auf unbeschlagenen Hufen und normalen Trachten laufen würde. Also versuchte ich es ohne Eisen und fing an, regelmäßig die ausgefransten Tragränder der Hufe glatt zu raspeln. Der Schmied kam ab und zu zum Ausschneiden und hatte dabei nicht viel zu tun.

1982 wechselten wir endlich den Stall: statt einer Reithalle gab es einen großen Auslauf und die Box wurde jeden Tag ausgemistet. Die Hufe hatten sich erholt, Arizona lief und lief und lief. Wir galoppierten über Graswege und Stoppelfelder und regelmäßig ging es auch im flotten Trab statt im Schritt über befestigte Wege – von Lahmheit keine Spur mehr!

1987 kamen wir dann in einen Stall mit ganzjährigem täglichen Weidegang und gut belüfteten Außenboxen für die Nacht. Ab jetzt gab es fast nur noch geschotterte Waldwege zum Reiten und nach ein paar Monaten mochte Arizona nicht mehr so flott vorwärts gehen. Ein anderes Pferd im gleichen Stall wurde immer beschlagen, wenn es häufiger geritten wurde, das Pferd des Nachbarn wurde für Distanzritte trainiert und lief seit Jahren mit Eisen. Also meinte auch ich, dass Arizona ohne Beschlag auf Dauer in diesem Gelände nicht reitbar wäre und bestellte den Schmied. Allerdings bekam sie zunächst ganz normale Eisen, weil die Trachten ihre normale Höhe behalten sollten.

Nach einiger Zeit fiel mir eine leichte Taktunreinheit im Schritt auf, im Trab lahmte sie etwas. Der Tierarzt diagnostizierte erneut „Hufrolle“, war aber ganz erstaunt über den guten Allgemeinzustand der Hufe. Er hatte während seiner Ausbildung bei der Hufrollen-OP assistiert und nicht damit gerechnet, dass ein Pferd so lange mit dieser Krankheit reitbar sein könnte. Er lieh mir diverse Fachbücher, zum Teil in Englisch, damit ich mir Antworten auf meine ganzen Fragen holen konnte. Demnach war es positiv, wenn ein Pferd viel Bewegung hat und die Durchblutung der Hufe angeregt wird, aber bitte mit möglichst hohen Trachten, also Spezialbeschlag (ein absoluter Widerspruch, aber das habe ich damals noch nicht erkannt). Der Schmied verwendete nun vorne Eisen mit einem durchgehenden Steg im Trachtenbereich, da erhöhte Schenkel sich leichter in den Boden eindrücken und damit den gewünschten Effekt zunichte machen würden.

Und dann lernten wir einen anderen Nachteil von Eisen kennen: das Aufstollen bei Schnee! Mittlerweile war ich auf der Suche nach einem Offenstall und der Gedanke, mein Pferd bei Schnee tagelang im Stall stehen zu lassen, war mir einfach zuwider. Also runter mit den Eisen, die Trachten hatten in der Zeit des Beschlages erneut gelitten und brauchten dringend Erholung. Nun bearbeitete ich die Barhufe so, dass die Zehen kurz gehalten wurden und die Trachten so hoch wie möglich wuchsen. Ich wollte die mit Spezialbeschlag angestrebte Winkelung barhuf erreichen, um „die Hufrolle zu entlasten“.

1989 konnte ich eine eigene Weide (zunächst noch mit separatem Laufstall) pachten, 1991 wurde ein Offenstall gebaut und mein Pferdebestand war auf drei Pferde angewachsen – das Thema Eisen hatte sich längst endgültig erledigt, weil ich wieder mehr auf Graswegen unterwegs war und nicht mehr soviel Zeit zum Reiten hatte. Dafür konnten sich die Pferde rund um die Uhr bewegen, wenn auch im Winter nur auf ca. 70 qm Waschbetonplatten.

Sie waren in diesen Jahren die einzigen Offenstall-Pferde im Ort, wo auf jedem zweiten Hof Pferde gehalten wurden. Spaziergänger sahen die „armen“ Pferde draußen im Schnee ihr Heu mümmeln und drohten mir mit Anzeige beim Tierschutzverein. Es gab die ersten Bücher über den Zusammenhang zwischen der Art der Pferdehaltung und der daraus resultierenden Hufgesundheit und ich fand darin meine eigenen Erfahrungen bestätigt.

1993 lief Arizona barhuf auf einem mehrtägigen Wanderritt durch die Lüneburger Heide und war topfit und munter. Sie wurde normalerweise mit Stallhalfter gezäumt, aber ab und zu „vergaß“ ich auch das und wir düsten von der Sommerweide aus im Galopp über gemähte Wiesen und Stoppelfelder, nur gesattelt und mit einem Seilchen um den Hals. Es wird manchmal behauptet, Warmblüter seien „dumm“, „stur“ und „unsensibel“ – vielleicht von Leuten, die einfach keinen Draht zu einem lebendigen Wesen haben und lieber zum Tennisschläger greifen sollten… (Meiner Meinung nach gibt es kaum eine Rasse, die bei Dummheit, Sturheit und Ignoranz von Menschen freundlicher bleibt als Warmblüter.)

Arizona hat nie wieder gelahmt, nachdem sie die Eisen für immer los war und ihre Hufe nur noch von mir bearbeitet wurden. Die beste Hufpflege? Laufen, laufen, laufen!

Arizona, 21 Jahre alt

Am 21.01.1996 musste ich an einem Sonntagmorgen Abschied von ihr nehmen. Am Vortag war sie noch mit den anderen Pferden über die gefrorene Weide getobt, die ich bei diesem Wetter täglich für eine halbe Stunde geöffnet hatte. Und dann lag sie plötzlich früh morgens mit einer schweren Kolik stundenlang in klirrender Kälte neben dem Stall. Dies war die erste Kolik in all den Jahren, die wir uns kannten – und es ging ihr bereits zu schlecht, als dass eine Behandlung noch Aussicht auf Erfolg gehabt hätte. Ich bin dankbar, dass ich so viele Jahre von einem ganz besonderen Pferd lernen durfte!


Katrin Krug * 31655 Stadthagen * 0176 – 78 45 68 25 (evtl. SMS wegen Funkloch)

© 2009 Drewnitzky-Web-Design