Gina

(geb. 05/88, bei mir seit 05/90)

Ein „Goldstück“! Durch und durch Alphastute bereits mit zwei Jahren, ein falbfarbener Mix aus Dülmener Stute und Vollblutaraberhengst. Als ich sie im Mai 1990 bekam, wusste niemand, dass sie bereits im siebten Monat von einem gleichaltrigen Warmbluthengst tragend war… Sie lief nach kurzer Kennenlernphase regelmäßig als Handpferd mit durch den Wald und zeigte Ende August nach einer knapp fünfstündigen Tour erstmals Anzeichen von Müdigkeit – die üblichen 2-3-Stunden-Trips machten ihr weiterhin nichts aus. Und da sie ein bisschen „moppelig“ war, wollte ich sie auch nicht zuhause lassen.

Ihre Tochter Dusty kam überraschend am 02.10.1990 mittags an einem sonnigen Tag zur Welt, was Gina ganz alleine und glücklicherweise ohne Probleme überstand. Es war kein Problem, dass ich nun völlig unvorbereitet ein Fohlen auf der Weide hatte – Gina kannte sich aus. Sie hielt mich in den ersten Tagen (Prägephase) freundlich ein wenig auf Abstand, indem sie sich konsequent zwischen mich und ihre Tochter schob. Danach durfte ich Dusty anfassen, wann immer ich wollte.

Vierjährig wurde Gina gesattelt, auf Halfter gezäumt, in den Wald geführt und ich begann vorsichtig mit den ersten Ausritten. Führen, Aufsitzen, Führen, Aufsitzen,… Ganz selbstverständlich orientierte sie sich an den bekannten Stimmkommandos, buckelte nie und genoss besonders die flotten Touren.

Als sie neun Jahre alt war, litt sie plötzlich unter „Headshaking“, das es in allen möglichen Varianten gibt. Bei Gina sind die Hauptauslöser Sonnenlicht, Pollenflug, Heustaub, Körpererwärmung beim Reiten sowie Druck oder Stress. Sie trägt daher von Frühjahr bis Herbst je nach Bedarf ihre Lichtschutzmaske (innohorse), das Heu wird vorm Füttern kurz in Wasser getaucht und bei heißem Wetter sind wir überwiegend im Schritt unterwegs. Was als Druck oder Stress empfunden wird, ist von Pferd zu Pferd sehr unterschiedlich. Für Gina sind Ausritte oder Spaziergänge normal und sie hat kein Problem damit, per Handzeichen oder Stimme auch mal ein „Nein“ einzustecken. Sie testet – wie jedes Pferd – ab und zu aus, ob sie die von mir gesetzten Grenzen zu ihren Gunsten verschieben kann und akzeptiert meine Antwort.

Für sie muss alles berechenbar sein, sie hat als Leitstute eine natürliche Autorität und tastet sich an Neues vorsichtig heran. Sie öffnet die Tür zur Futterkammer, bleibt aber auf ein Räuspern von mir immer davor stehen und lässt auch Dusty nicht vorbei. Sie lässt sich die Zähne ohne Sedierung elektrisch behandeln, möchte aber, dass ich die ganze Zeit entspannt daneben stehe und dadurch „alles okay“ signalisiere. Jeder Zwang oder gar Gewalt wäre für ein Pferd wie Gina der blanke Terror. Sie ist immer bereit, sich auf neue Dinge einzulassen und arbeitet gerne mit, muss aber erst abwägen dürfen, ob etwas gefährlich oder unangenehm ist.

Auf eine Sache reagiert sie immer mit „übel schlechter Laune“, seit wir uns kennen: Regen! Gemeinerweise finde ich das ganz witzig und nehme ihr Problem nicht angemessen ernst… Sobald die ersten Tropfen im Anmarsch sind, verzieht sich der robust aufgewachsene Wildpferdmix grundsätzlich Richtung Stall – entsprechender Gesichtsausdruck inklusive. Bereits als Zweijährige stemmte sie alle viere in den Boden, als ich sie bei Nieselregen unter einem Baum hervor holen wollte. Natürlich kann sie mehrere Stunden freiwillig im Regen grasen, aber ich habe gefälligst SOFORT für ein Dach zu sorgen, wenn sie satt ist. Platzregen auf einem Ausritt? Sie parkt schleunigst unter dem nächsten Baum und signalisiert mit ihrem ganzen Körper, dass sie darüber jetzt NICHT diskutieren möchte. An einem Unwetter unterwegs bin nur ich alleine schuld und es dauert zwei bis drei trockene Touren, bis sie wieder von alleine ihren Kopf ins Halfter steckt. (Natürlich gehorcht sie etwas widerwillig, wenn ich anderer Meinung bin. Für mich ist es okay, dass sie ihre eigenen Wünsche hat und diese auch mitteilt.)

1998 war ein Barhuf-Pfleger aus dem Saarland bei Freunden zu Besuch und ich nutzte die Gelegenheit, die Hufe meiner Pferde erstmals nach acht Jahren einem Fachmann vorzustellen. Und dieser äußerte sich begeistert über das, was er sah: die Pferdehaltung insgesamt, Hufhornqualität und allgemeiner Entwicklungsstand der Hufe – alles sei „bestens“! Wenn die Hufe jetzt noch fachgerecht bearbeitet würden, bräuchte ich auch in Kürze keine Hufschuhe (Easyboots) mehr für längere Schotterweg-Touren. Jemand aus dem Freundeskreis, der genau diese Ausbildung absolvieren wollte, schnitt die Hufe also unter genauer Anleitung aus. Ich fotografierte sie ein paar Tage später, um mich zukünftig daran orientieren zu können. Meine Pferde wurden nun für ungefähr ein Jahr „fachmännisch“ ausgeschnitten – dann brach ich das Ganze ab, weil sie schlechter liefen und über ihre viel zu langen Zehen stolperten. Die Easyboots passten nicht mehr und ohne liefen sie deutlich „fühliger“ als vorher. Ich ließ mich nicht davon überzeugen, dass dies „anfangs ganz normal sei“ und stellte nach und nach in Eigenregie den vorigen Zustand wieder her.

Im Sommer 2001 hatte ich dann ein kleines altes Haus mit Stall am Waldrand. Endlich mit den Pferden unter einem Dach leben! Während der Renovierung hatten die Pferde leider (!!!) Pause, verbrachten den Sommer wie in den Vorjahren rund um die Uhr auf der Weide und den ersten Winter wieder in ihrem alten Offenstall in der Nähe.

Ende Oktober 2002 war endlich auch der Einzug der Pferde in ihr neues Zuhause möglich. Und genau in diesen letzten Weidetagen bekam Gina Hufrehe! Runter vom Gras in den neuen Offenstall, Heparin-Spritzen vom Tierarzt für Gina sowie Hilflosigkeit und Schuldbewusstsein bei mir.

Die „Eisen-Lösung“ lehnte ich ab, also rief ich reumütig unseren ehemaligen Hufpfleger an, der seine Ausbildung inzwischen abgeschlossen hatte. Alles was er mir erklärte, erschien logisch und gab mir die feste Überzeugung, dass Gina bei konsequenter Hufbearbeitung in knapp einem Jahr wieder völlig gesund sein würde. Außerdem wollte ich ebenfalls lernen, die Hufe so „perfekt“ zu bearbeiten, damit sie nie wieder unter solchen Schmerzen leiden müsste. Die Hufe wuchsen nach und ein „Reheknick“ war nicht mehr zu sehen. Inzwischen wurden wir alle paar Monate von der Nachfolgerin des Hufpflegers betreut, weil ich weiter dazu lernen wollte. Denn Gina und ihre Tochter (deren Hufe nun ebenfalls anders bearbeitet wurden) liefen nicht mehr so problemlos wie früher über die Schotterwege im Wald. „Geduld, Geduld“ bekam ich als Antwort – und das in allerbester Absicht, denn sie wollte uns wirklich helfen und vermittelte mir geduldig eine Unmenge an Theorie- und Praxiswissen. Mein Eindruck war, dass die Pferde ihrer anderen Kunden mittlerweile alle prima laufen konnten, nur bei meinen schien etwas nicht zu klappen. Mein Bauchgefühl hatte komplett ausgesetzt! Die Pferde waren so fett, dass bei Gina sogar Beulen rechts und links der Schweifrübe sichtbar waren – aber ich meinte, dass alles in Ordnung sei, solange ich nur die Hufe perfekt in Ordnung hielte…

Am 11.02.2006 kam eine mobile Pferdewaage in die örtliche Reithalle: Gina wog bei 1,46 m Größe 499 kg (ihre Tochter Dusty ist 2 cm größer und wog 516 kg).

Erstaunlicherweise „knallte“ es erst im März 2007 – ein erneuter schwerer Hufreheschub führte zur Diagnose Equines Metabolisches Syndrom (EMS, sh. Internetseite „equivetinfo“). Hier hatten mich sowohl Dustys Physiotherapeutin als inzwischen auch die Hufpflegerin in die richtige Richtung „geschubst“: ich ließ von beiden Pferden Blutbilder machen. Wichtig für die Diagnose ist bei EMS nicht nur der stark schwankende Glucosewert, sondern auch „Fruktosamin“ und „Cortisol“, was noch nicht jedem Tierarzt bekannt ist! Aufschluß gibt auch der ph-Wert im Urin: einfach einen Apotheken-Teststreifen in den Urinstrahl halten. (Infos und Futterberatung: Pro Saani GmbH, Treskowallee 129, 10318 Berlin, Telefon 030/50968290, Tierärzte Martin Grell/Kathrin Irgang). Den Insulinwert habe ich nicht bestimmen lassen. Hierfür muss das Blut unmittelbar nach der Entnahme tiefgekühlt ins Labor gebracht werden, daher ist diese Untersuchung deutlich teurer und aufwändiger.

Nun startete ich unverzüglich ein konsequentes Abspeckprogramm mit den beiden. Ganz wichtig war dabei, die Pferde nicht hungern zu lassen (die abgebauten Lipide im Blut hätten eine erneute Vergiftung auslösen können), sondern Raufutter häufig in kleinen Portionen zu füttern. Und vor allem: LAUFEN!!!

Wie bereits im Winter 2002/2003 humpelte Gina (diesmal gemeinsam mit ihrer Tochter) nun wieder am Führstrick mit mir durch den Wald. Innerhalb von nur einer Woche steigerten wir uns von Fast-nur-liegen-im-Sand auf 8-10 km Waldwege im Schritt!

Auf der Weide machten die Pferde zur gleichen Zeit wieder die ersten Galoppsprünge. Weide im Frühjahr bei akuter Hufrehe??? Ja, ich habe jede Gelegenheit genutzt, die beiden zum Laufen zu motivieren. Und die Aussicht, täglich für eine KURZE Zeit (anfangs 15 min) wieder aufs Gras zu dürfen, schien den „Knoten im Kopf“ zu lösen und ließ sie die Schmerzen verdrängen. Die Pferde arbeiteten super mit und waren jeden Tag besser zu Fuß. Täglich gingen wir im Kriechtempo los und kamen im normalen Schritt wieder nach Hause. Nach zweieinhalb Monaten setzte ich mich im Wald wieder für ein paar Minuten aufs Pferd, nach weiteren sechs Wochen bot Gina dabei auch wieder Trab an. (Dusty war in dieser Zeit „Rückenpatientin“ und lief als Handpferd mit.) Beim Sternritt ein halbes Jahr später ließ man uns auf dem Rückweg netterweise an der Gruppe vorbei traben – die beiden hatten absolut keine Lust mehr, im Schritt hinterher zu latschen und ich genoss meine beiden übermütigen Knuffelponies im sehr flotten Trab nebeneinander!

Während dieser Zeit habe ich die Hufe wieder alleine bearbeitet. Ungefähr 3-4 Mal im Monat nahm ich kleine Korrekturen vor und Ginas „Reheschnabel“ verschwand allmählich. (Dusty hatte den typischen „Reheknick“, der ebenfalls raus wuchs.)

Faszinierend fand ich Ginas Verhalten beim Hufe geben: sie war zunächst noch ziemlich misstrauisch (kein Wunder…) und wollte mir den jeweiligen Huf fast jede Minute vorsichtig entziehen. Dann „testete“ sie, wie sich das Ganze auf den Steinplatten anfühlte und nickte schmatzend – oder auch nicht. Inzwischen habe ich ihr Vertrauen zurück gewonnen und darf wie gewohnt raspeln und schneiden.

Durch die EMS-Erkrankung (so meine Vermutung) kann es immer mal wieder vorkommen, dass die Pferde vorsichtig auf Steinen laufen: die Lederhaut in der Hufsohle ist sehr stoffwechselaktiv und reagiert auf jeden Fütterungsfehler. Da die Krankheit nicht heilbar, sondern nur behandelbar ist, haben wir hier kaum Spielraum und nur EIN zuverlässig funkionierendes „Ventil“: je mehr die beiden laufen, desto besser geht es ihnen – das bedeutet auch, dass sie sich oft unterwegs erst „einlaufen“.

Bei Regenwetter steht Gina gerne stundenlang im Stall und bekommt dadurch geschwollene Beine. In den ersten zwanzig Minuten führe ich sie dann mit Sattel (oder sie läuft als Handpferd), bis die Beine nicht mehr „ziepen“ und die Schwellungen weg sind. Im Sommer tut es ihr gut, die ganze Nacht (= niedrige Fruktanwerte, sh. equivetinfo) auf der Weide herum zu wandern. Ich bin zu der Auffassung gelangt, dass der positive Effekt des Laufens hier den negativen Faktor „Gras fressen“ mehr als ausgleicht. Im Winter täte es ihr gut, in einer größeren Herde zu leben und mehr Bewegungsanreize rund um die Uhr zu haben. Leider ist mein Offenstall gerade ausreichend groß für zwei Kleinpferde, die sich gut verstehen. Gina ist die Chefin und kann ungestört herum stehen, solange sie will. Dazu kommt, dass sie ihr Heu nass in engmaschigen Heunetzen (loewers-heu.net) bekommen muss (Headshaking, Staubhusten, Futtermenge über den Tag verteilen…). Also bekommt sie im Winter eben notfalls ihre Regendecke an und wir marschieren ein Stündchen zu dritt durch den Wald.

Beide Pferde dürfen nie wieder dick werden. Sogar wenn die Rippen noch leicht durch das Fell schimmern, sind die „Fettbeulen“ in Hals und Kruppe nicht ganz weg. Es bedeutet einen größeren Aufwand – und zwar täglich! - sie permanent in genau diesem Futterzustand zu halten als die Erkrankung von vornherein zu verhindern! Von der perfekten Pferdehaltung, die alle „Zivilisationskrankheiten“ garantiert lebenslang verhindert, können wir alle heute nur träumen (sh. „gesundehufe.com / Achtung Giftig“). Aber wenn jeder versucht, eigene Fehler nicht zu wiederholen und aus denen Anderer lernt, ist schon viel gewonnen! Wenn auch dein Pferd zu dick ist, warte bitte nicht solange wie ich, bis du etwas änderst – DANKE!


Katrin Krug * 31655 Stadthagen * 0176 – 78 45 68 25 (evtl. SMS wegen Funkloch)

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